Der Permiso – eine Odyssee auf Fuerteventura

Meine Geschichte beginnt mit einem Seat Ibiza, einem Fenster, das sich nicht mehr öffnen ließ, und einem Mann, den wir aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes Mr. Carlos nennen wollen.

Mr. Carlos hatte mir den Seat verkauft. Ein nettes Auto, allerdings mit einem kleinen Schönheitsfehler: Das Fenster auf der Beifahrerseite weigerte sich beharrlich, seiner eigentlichen Bestimmung nachzukommen. Es ging nicht auf.

„Kein Problem“, sagte Mr. Carlos sinngemäß. Er würde das reparieren. Das Fenster ist bis heute geschlossen. Das hätte mir vielleicht eine Warnung sein sollen.

180 Euro und das große Vertrauen

Beim Kauf bezahlte ich Mr. Carlos 180 Euro für die Ummeldung einschließlich der notwendigen Papiere. Eine Gestoría kümmerte sich darum, und am 18. August 2025 bekam ich zunächst eine provisorische Zulassung. Alles wunderbar. Der endgültige Permiso de Circulación – also der Fahrzeugschein – sollte folgen. Er folgte nicht. Wochen vergingen. Monate vergingen. 

Ich fragte Mr. Carlos nach meinen Papieren. 

Mr. Carlos fragte nach eigener Aussage die Gestoría.

Ich fragte wieder Mr. Carlos.

Mr. Carlos wollte wieder die Gestoría fragen.

Es entstand eine Art administratives Perpetuum mobile, bei dem allerdings ausschließlich meine Fragen in Bewegung waren.

Der Permiso blieb verschwunden.

Ein Jahr später

Irgendwann hatte ich genug. Ich wollte den Seat reparieren lassen, zur ITV bringen und anschließend verkaufen. Dafür wäre es ausgesprochen praktisch gewesen, die Fahrzeugpapiere zu besitzen. Also machte ich das, was vernünftige Menschen tun: Ich beantragte bei der DGT selbst Duplikate und bezahlte noch einmal rund 20 Euro. Meine Adresse gab ich selbstverständlich korrekt an. Damit war die Sache erledigt. Dachte ich.

An dieser Stelle sollte der erfahrene Spanienbewohner bereits leise lachen.

„Dein Permiso ist angekommen“

Dann schrieb plötzlich Mr. Carlos:

Mein Permiso de Circulación sei bei ihm angekommen.

Bei ihm.

Nicht bei mir.

Bei Mr. Carlos.

Warum?

Keine Ahnung.

Aber inzwischen war mir das vollkommen egal. Ich wollte nur dieses Stück Papier haben.

Mr. Carlos schrieb:

„Sag mir Bescheid, wenn du zu Hause bist, dann bringe ich ihn dir.“

Ich war zu Hause.

Ich teilte ihm das mit.

Und wartete.

Nach einiger Zeit fragte ich:

„Wann kommst du ungefähr?“

Keine Antwort.

Eine Stunde später:

„Bitte sag mir, wann du kommst.“

Keine Antwort.

Nach mehr als vier Stunden Wartezeit teilte ich Mr. Carlos schließlich mit, dass ich nun seit vier Stunden zu Hause säße und gern wüsste, wann er denn zu erscheinen gedenke. Daraufhin kam tatsächlich eine Antwort. Mr. Carlos erklärte, er sei am Nachmittag bereits bei mir gewesen, habe gedacht, ich sei nicht zu Hause, und sei deshalb wieder gefahren.

Interessant. Mein Haus besitzt nämlich eine technische Vorrichtung, die in weiten Teilen Europas seit vielen Jahrzehnten erfolgreich eingesetzt wird.

Eine Klingel.

Sie funktioniert sogar.

Außerdem besitzt Mr. Carlos meine Telefonnummer.

Und WhatsApp.

Aber gut.

Ein Irrtum kann passieren.

Dieser Satz sollte später noch wichtig werden.

Morgen. Aber wann?

Mr. Carlos kündigte an, am nächsten Tag wiederzukommen.

Ich fragte nach einer Uhrzeit.

Keine Antwort.

Ich fragte noch einmal ausdrücklich nach einer konkreten Uhrzeit.

Um 23:41 Uhr erhielt ich schließlich die Antwort:

?

Der Daumen.

Ein bemerkenswert vielseitiges Kommunikationsinstrument.

Er kann bedeuten: „verstanden“, „okay“, „mache ich“, „gute Nacht“ oder möglicherweise auch: „Eine Uhrzeit bekommst du trotzdem nicht.“

Am nächsten Morgen fragte ich erneut.

„Wann kommst du heute? Sag mir bitte eine Uhrzeit.“

Nach anderthalb Stunden kam die Antwort:

„Ich arbeite bis 16 Uhr.“

Das war zwar eine Uhrzeit.

Leider nicht die, nach der ich gefragt hatte.

Dann kam der graue Mercedes

Plötzlich nahm die Geschichte Fahrt auf. Mr. Carlos schrieb: „Ein Freund bringt ihn dir.“

Dann: 
„Jetzt.“

Und schließlich: „In fünf Minuten ist er da.“

Dazu bekam ich sogar ein Foto eines grauen Mercedes geschickt. Jetzt konnte wirklich nichts mehr schiefgehen. 

Ich dachte sofort:

Das geht schief.

Fünf Minuten vergingen.

Kein Mercedes.

Weitere Minuten vergingen.

Kein Mercedes.

Dann kam die Nachricht.

Der Freund von Mr. Carlos hatte sich in der Adresse geirrt.

Nicht weiter schlimm, könnte man denken.

Er hatte allerdings nicht nur am falschen Haus geklingelt.

Er hatte meinen Permiso de Circulación in den Briefkasten des falschen Hauses geworfen.

Mein amtliches Fahrzeugdokument befand sich jetzt also bei wildfremden Menschen.

Mr. Carlos beruhigte mich.

Die Bewohner seien gerade im Supermarkt.

Im Haus befinde sich ein Kind.

Das Kind habe seine Eltern angerufen.

Die Eltern würden bald vom Supermarkt zurückkommen.

Dann würden sie den Briefkasten öffnen.

Der Freund mit dem grauen Mercedes würde meinen Permiso herausnehmen und anschließend zu mir bringen.

Ich möchte an dieser Stelle daran erinnern:

Ich wollte lediglich meinen Fahrzeugschein haben.

Ein Irrtum kann passieren

Mr. Carlos fand die Situation offenbar weniger bemerkenswert als ich.

Sinngemäß erklärte er mir:

Ein Irrtum könne schließlich passieren.

Das stimmt natürlich.

Man kann Milch statt Sahne kaufen.

Man kann einen Termin vergessen.

Man kann sich in der Hausnummer irren.

Man kann offenbar auch den Fahrzeugschein einer anderen Person einem Freund mitgeben, der ihn anschließend in den Briefkasten völlig fremder Menschen wirft, deren Eltern gerade im Supermarkt sind.

Irren ist menschlich.

Das Wunder von Calle Fula

Um 11:56 Uhr geschah schließlich das Unfassbare.

Mr. Carlos schrieb:

„Tienes el permiso de circulación en tu buzón.“

Dein Fahrzeugschein liegt in deinem Briefkasten.

Ich ging zum Briefkasten.

Und dort lag er.

Kein fremdes Haus.

Kein Kind.

Kein Supermarkt.

Kein grauer Mercedes.

Nur ich und mein Permiso.

Nach fast einem Jahr.

Ich nahm ihn heraus und betrachtete das Datum.

Ausgestellt am 18. August 2025.

Moment.

2025?

Das war also offensichtlich nicht das gerade von mir für rund 20 Euro beantragte neue Duplikat.

Das war der alte Fahrzeugschein.

Der ursprüngliche.

Der, auf den ich seit einem Jahr gewartet hatte.

Wo genau dieses Dokument während seiner langen Abwesenheit gewesen war, weiß ich bis heute nicht.

Bei der DGT?

Bei der Gestoría?

Bei Mr. Carlos?

In einer Schublade?

Vielleicht hat es zwischendurch auch ein Sabbatical auf Lanzarote gemacht.

Ich werde es vermutlich nie erfahren.

Und inzwischen möchte ich es auch gar nicht mehr wissen.

Ende gut, Fenster zu

Der Permiso liegt jetzt bei mir.

Der Seat kann repariert werden.

Dann geht es zur ITV.

Danach soll er verkauft werden.

Und irgendwann wird hoffentlich ein Fiat 500 vor meiner Tür stehen.

Nur eine Sache ist nach all dieser Zeit noch genauso wie am Anfang:

Das Fenster geht immer noch nicht auf.

Mr. Carlos wollte es ja reparieren.

Aber ein Irrtum kann schließlich passieren.

Willkommen auf Fuerteventura. 
 









 
 
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