Wer an Fuerteventura denkt, denkt wahrscheinlich zuerst an Urlaub, endlose Strände, Sonne und Meer. An trockene Landschaften, Palmen im Wind und dieses besondere Licht, das die Insel manchmal beinahe golden erscheinen lässt.
Ich denke inzwischen auch an Tomaten.
An sehr viele Tomaten sogar.
Denn mitten in dieser kargen Landschaft ist rund um mein Zuhause im Laufe der Zeit ein kleiner Garten entstanden. Kein perfekt durchgeplanter Vorzeigegarten und ganz sicher keiner, in dem sich jede Pflanze an irgendwelche Regeln hält. Hier wird ausprobiert, ausgesät, umgetopft, gegossen, geerntet, manchmal geflucht und sehr oft gestaunt.
Und genau deshalb liebe ich ihn.
Gemüse auf Fuerteventura anzubauen ist ein kleines Abenteuer. Die Sonne meint es manchmal ausgesprochen gut mit uns, der Wind gehört sowieso zum Leben auf der Insel und Regen ist eher ein Ereignis als eine verlässliche Größe.
Trotzdem – oder vielleicht gerade deshalb – macht es unglaublich viel Freude zu beobachten, was hier alles wachsen kann.
Inzwischen gibt es verschiedene Tomatensorten. Kleine rote Cocktailtomaten, gelbe und dunkle Sorten, große Tomaten – und zeitweise einen regelrechten Tomatenwald. Manche Pflanzen haben nach ihrer ersten Ernte beinahe aufgegeben. Die Blätter waren trocken, die Pflanzen sahen aus, als hätten sie ihre Arbeit für dieses Jahr erledigt.
Beinahe hätte ich sie entsorgt.
Zum Glück nur beinahe.
Ich entfernte das Alte, gab ihnen Wasser und Dünger und ließ sie einfach stehen. Wenig später kamen neue Blätter. Dann neue Triebe. Schließlich die ersten Blüten.
Die alten Tomaten gingen tatsächlich in die zweite Runde.
Vielleicht kann man von einem Garten manchmal mehr über das Leben lernen, als man denkt. Nur weil etwas eine schlechte Phase hat, muss man es nicht gleich wegwerfen.
Neben den Tomaten wachsen Paprika und Chilis. Bohnen schieben sich mit einer Geschwindigkeit aus der Erde, bei der man beinahe zusehen kann. Gurken, Honigmelonen und Wassermelonen dürfen ihr Glück versuchen. Schnittlauch wurde ausgesät und Senfkörner aus den eigenen Pflanzen warten auf die nächste Aussaat.
Und dann war da noch mein Mangokern.
Wochenlang geschah scheinbar gar nichts. Eines Tages zeigte sich tatsächlich ein winziger grüner Trieb. Ein Mangobäumchen auf Fuerteventura! Ich war so gerührt, dass mir ein paar Tränen kamen.
Leider hat der kleine Mango die enorme Sommerhitze nicht überstanden.
Also versuchen wir es wieder.
Ein Garten lehrt schließlich auch das: Nicht alles gelingt beim ersten Mal.
Irgendwann kommt der Moment, für den sich das Gießen, Warten und Pflegen gelohnt hat.
Man geht hinaus und pflückt die ersten eigenen Cocktailtomaten.
Und isst sie einfach.
Noch warm von der Sonne, süß und aromatisch, direkt von der Pflanze. Später kommen Paprika und Chili dazu. Plötzlich steht morgens ein Teller auf dem Tisch mit Gemüse, das wenige Minuten vorher noch draußen gewachsen ist.
Seit ich so viel selbst anbaue, esse ich unglaublich viel Gemüse. Nicht, weil ich mir vorgenommen hätte, besonders vernünftig zu sein. Es ist einfach da. Und es schmeckt.
Manchmal braucht Glück offenbar nicht mehr als eine reife Tomate.
Aber der Garten gehört längst nicht nur mir.
Überall blüht es. Kakteen öffnen spektakuläre Blüten, andere Pflanzen setzen kleine Farbtupfer zwischen das viele Grün. Hortensien, Bougainvillea und zahlreiche weitere Pflanzen sorgen dafür, dass fast immer irgendwo etwas blüht.
Und mit den Blumen kommen die Besucher.
Bienen summen von Blüte zu Blüte. Schmetterlinge lassen sich nieder und trinken Nektar. Kleine Käfer krabbeln über Blätter und Blüten. Vögel kommen zum Wasser.
Deshalb stehen inzwischen auch kleine Wasserstellen bereit.
Wenn ich morgens draußen sitze und beobachte, wie sich Schmetterlinge an den Blumen ernähren oder eine Biene vollkommen beschäftigt in einer Blüte verschwindet, denke ich manchmal:
Wir haben es hier eigentlich alle ganz gut.
Die Großen und die ganz Kleinen.
Wir teilen uns diesen Garten.
Irgendwann tauchte Felix auf.
Felix ist ein Igel und gehört inzwischen selbstverständlich zum Garteninventar.
Er kommt, wenn er möchte, verschwindet wieder und führt vermutlich ein deutlich aufregenderes Nachtleben, als ich ahne. Gelegentlich steht er auch unter Verdacht, Dinge getan zu haben, für die es keinerlei Beweise gibt.
Eine Zeit lang beispielsweise war mein Mangosamen plötzlich nicht mehr zu sehen.
Mein erster Gedanke:
Felix!
Der arme Kerl war natürlich unschuldig. Der Samen steckte noch in der Erde und war sogar fest angewachsen.
Felix bekam trotzdem eine Rolle in unserer kleinen Gartengeschichte.
Ich glaube ohnehin, dass er heimlich an einem Buch arbeitet.
Arbeitstitel:
„Igelsommer auf Fuerteventura“
Natürlich kann ein solcher Garten nicht ohne Führung funktionieren.
Dafür haben wir Luna.
Luna ist meine Katze und die unangefochtene Gartenchefin.
Sie patrouilliert zwischen den Pflanzen, beobachtet Dinge, die für menschliche Augen vollkommen unsichtbar sind, sitzt gelegentlich im Jagdfieber da und kontrolliert selbstverständlich sämtliche Veränderungen in ihrem Revier.
Für die Gartenchefin wurde inzwischen sogar eigenes Katzengras angepflanzt.
Service muss sein.
Nach getaner Arbeit zieht Luna sich gern zurück und schläft. Möglichst dort, wo ich bin. Manchmal liegt sie so friedlich da, dass aus der Gartenchefin eine Kuschelblume wird.
Luna gehört zu diesem Garten genauso wie die Tomaten, die Kakteen und Felix.
Vielleicht sogar ein bisschen mehr.
Meine liebste Zeit im Garten ist der frühe Morgen.
Noch bevor die große Hitze kommt, wenn die Sonne langsam aufgeht und das Licht über die Insel wandert.
Dann sitze ich draußen mit meinem Frühstück und einer Tasse Kaffee. Vor mir die Pflanzen, irgendwo Luna auf ihrem Kontrollposten und in der Ferne dieses Gefühl, das Fuerteventura für mich so besonders macht.
Meer, Sonne, Weite und Ruhe.
Für viele Menschen bedeutet Fuerteventura Urlaub.
Für mich bedeutet diese Insel Zuhause.
Natürlich ist nicht jeder Tag paradiesisch. Manchmal ist es so heiß, dass Gartenarbeit kaum möglich ist. Pflanzen vertrocknen, Samen gehen nicht auf, Früchte platzen und der Wind kann einem gehörig auf die Nerven gehen.
Und trotzdem sitze ich morgens da und freue mich über einen neuen Trieb.
Über eine Biene.
Über die erste Chili.
Über siebzehn Tomaten auf einmal.
Über Felix, wenn er auftaucht.
Über Luna, wenn sie zwischen den Pflanzen sitzt.
Und manchmal einfach darüber, dass ich hier sein darf.
Vielleicht ist genau das mein persönlicher Urlaub auf Fuerteventura geworden: nicht für zwei Wochen in einem Hotel, sondern jeden Tag ein paar Minuten im eigenen Garten.
Mit Erde unter den Fingern.
Mit der Sonne im Gesicht.
Mit dem Meer ganz in der Nähe.
Und mit dem wunderbaren Gefühl, dass um mich herum überall etwas lebt.
Mein kleines Stück Fuerteventura.
Und ich mittendrin.
